Wenn es Abend geworden ist und die Dunkelheit über Wien eingebrochen ist wird es Zeit einkaufen zu gehen. Mit zwei großen Einkaufstaschen bepackt schwingen wir uns auf die Fahrräder und düsen zwei Minuten Richtung Billa. Die Tür zum Müllraum wird aufgesperrt, in dem zwei stinkende, schwarze Mülleimer nur darauf warten von uns durchwühlt zu werden. Wir gehen dumpstern!
Dumpstern oder Containern, wie es auch genannt wird, heißt Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten zu retten. Schon seit Jahren gehen Freunde von mir immer wieder auf die Suche nach weggeschmissenem, aber noch genießbarem Essen. In den letzten Jahren ist der Sprung in die Mülltonne immer beliebter geworden und ganze Food-Safe-Communities haben sich rund um die immer zentralere Frage von nachhaltigem Lebensmittelkonsum entwickelt.
Seit letztem Jahr gehe ich regelmäßig dumpstern – das heißt in etwa zwei Mal die Woche. Durch die Inflation und den Krieg in der Ukraine sind Lebensmittelpreise in den letzten Wochen stark angestiegen. So stark, dass ein Wocheneneinkauf, der mich früher etwa 30 Euro gekostet hätte, inzwischen um die 55 Euro ausmacht. Für Menschen mit geringerem Einkommen, hohen Lebenserhaltungskosten, Menschen mit Familie oder einfach Student:innen wie mich sind die Nahrungsmittelpreise inzwischen fast nicht mehr erschwinglich, wenn man nicht sein ganzes Geld für Essen ausgeben will. Früher habe ich darauf geachtet Bio-Produkte und fair produzierte Ware zu kaufen. Die Preise machen es momentan jedoch fast unmöglich für mich auf gute Qualität und faire Produktionsbedingungen zu schauen. Das Dumpstern bietet dabei eine gute Alternative an – denn wer es sich leisten kann geht sowieso einkaufen und abgelaufene Lebensmittel, die sonst in der Mülltonne landen würde, werden verwertet und ernähren Leute, die dafür im meist eher unappetitlichen Mülleimer herumkramen müssen.
Es fühlt sich so an, als würde man etwas Verbotenes tun. In Österreich bewegt sich das Dumpstern jedoch innerhalb einer Grauzone. Obwohl es vor Gericht noch nie einen solchen Fall gab, könnten die Supermärkte Container:innen wegen Diebstahl anklagen, da die Müllcontainer Teil von deren Eigentum sind. Dabei ist dumpstern gehen mehr als nur gratis Essen zu bekommen.
Noch gut erhaltene Produkte aus dem Müll zu retten ist fast schon eine Held:innentat, wenn man bedenkt, dass in Österreich jährlich rund eine Million Tonnen an noch genießbaren Nahrungsmitteln im Müll landen.
Laut einer Studie des World Wildlife Fund (WWF) aus 2021 werden 40 Prozent der weltweit produzierten Nahrungsmittel gar nie gegessen. Kurz gesagt: 2,5 Milliarden Tonnen an Lebensmitteln werden unter enormem Energieaufwand und Verbrauch von Ressourcen produziert, um dann direkt im Müll zu landen.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schaue ich mir die 20 ergatterten Bananen in meiner Einkaufstasche an, die aus Costa Rica eingeflogen wurden, um hier in Österreich direkt in der Tonne zu landen. Bananen sind dabei nicht das Einzige, was mir Kopfzerbrechen bereitet. Berge an Äpfeln, Kartoffeln, Salat, Gurken, Tomaten, Pilze, Paprika und Avokados, manchmal sogar Mehrfachpackungen Milch, Joghurt oder auch vegane Snacks, die bei Kund:innen leider noch nicht genug beachtet werden, finden sich teilweise an nur einem Abend. Damit will ich nicht lobpreisen, wieviel Geld man sich durch das Containtern ersparen kann – obwohl das natürlich ein toller Nebeneffekt ist. Mein Anliegen ist darauf aufmerksam zu machen, wieviele Lebensmittel trotz Sozialmärkten, Essens-Spenden und Too Good To Go – Sackerln immer noch im Müll landen. Wenn man bedenkt, wieviele Menschen jährlich den Hungerstod erleiden oder unter enorm belastenden und teilweise toxischen Vorgängen für Umwelt und Mensch genau diese Produkte erzeugen, die wir aus der Tonne fischen, ist der Wille etwas verändern zu wollen mehr als groß.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace präsentierte Ende Februar 2022 einige Zahlen. Danach sind Lebensmittel, die jährlich im österreichischen Mülleimer landen ganze 1,4 Milliarden Euro wert.
Für deren Herstellung werden jährlich 1,5 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre geschleudert. Das ist ca die Hälfte der Menge, die der heimische Flugverkehr bei Normalbetrieb ausgestoßen hat.
Alle hier abgebildeten Produkte stammen aus den Containern von nur einem Supermarkt an einem Abend




Der Umwelt zu liebe
Um der hohen Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken sind Sozialmärkte ein guter Ansatz, der in Wien zum Glück viel Anhalt findet. Die Märkte sind für Menschen gedacht, die sich einen Einkauf im Supermarkt nicht leisten können. Durch die hohe Inflation und die stark gestiegenen Lebensmittelpreise können sich jedoch auch Menschen aus der Mittelschicht dort hin wagen. In den Sozialmärkten ist meist genug für alle da. Und wenn man lernt, nicht immer das zu bekommen, was man unbedingt will, sondern aus dem, was man bekommt etwas Leckeres zu zaubern, gehen wir schon einen Schritt in die richtige Richtung.
Aber nicht nur Lebensmittel landen im Müll. Österreich produziert jährlich mehr als 71 Tonnen an Elektroschrott, Verpackungs-, Textil- und Lebensmittelabfällen. Wir kennen die Probleme. Nicht nur Kauflust und Fast-Fashion spielen eine Rolle in der Abfallproduktion, vor allem auch Elektroschrott hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Denn wer Geld hat, überlegt nicht lange, wenn das neueste iPhone oder eine ultra praktische Smart-Watch am Markt auftaucht. Laut Greenpeace ist der dadurch entstandene Elektroschrott in den letzten zehn Jahren von 33 auf 52 Millionen Tonnen angestiegen. Das sind Mengen, die fast unvorstellbar wirken. Das Hauptproblem ist, dass immer mehr gekauft wird, jedoch sehr wenig über längere Zeit genutzt, geschweige denn repariert wird. Es ist einfacher und teilweise auch billiger sich etwas Neues zu kaufen. Dabei haben viele Menschen ganz schlicht und einfach verlernt, wie man Dinge repariert – vom Zuflicken eines Lochs im Kleidungsstück, bis zur Haltbarmachung von Lebensmitteln durch Einlegen oder einfach, wie man Geräte auseinander und wieder zusammenschraubt. Bei den genannten Zahlen sollten wir dann doch zweimal überlegen, ob wir wirklich das neueste Modell brauchen. Denn um unser Leben wirklich zukunftsfreundlich gestalten zu können ist es sinnvoll, wieder zu lernen, wie die Dinge funktionieren und wie man sie wieder brauchbar machen kann. Wie man ein Loch flickt oder selbst Deo herstellt.
Obwohl Österreich hohe Umweltstandards und ein gut funktionierendes Müllsammlungs- und Verbrennungssystem hat, werden Produkte, die schwer entsorgt werden können in den globalen Süden verfrachtet, wo die Bevölkerung auf dem Müll sitzen bleibt, sie verbrennt oder ins Meer schwemmen lässt.
Wenn man von den Leiden der dortigen Bevölkerung absieht, hat das derzeit für uns wenig Auswirkungen. Wir können jedoch nicht in die Zukunft blicken und wissen nicht in welcher Form uns dieses Tun später einmal belasten wird. Doch, dass es so sein wird – sei es in der Form von verschmutzten Meeren, verpesteter Luft oder Massenmigration – darüber können wir uns sicher sein.
Zum Glück gibt es eine Vielzahl an Ansätzen, um Lebensmittel zu retten, Müll richtig zu recyceln oder lange Lieferketten zu vermeiden, indem Produkte regional produziert und eingekauft werden. Die einzig wirkliche und längerfristige Lösung ist jedoch Müll gar nicht erst zu produzieren und zu versuchen den Müll im allgemeinen zu reduzieren. Das kann heißen umweltfreundliche Verpackungen zu kaufen, Produkte, wie das Handy oder Klamotten lange zu nutzen und Dinge zu reparieren. Inzwischen hat das Klimaschutzministerium einen Reparaturbonus eingeführt, um diesen Lösungsansatz zu fördern.
Niemand muss deshalb auf seine Freiheit verzichten. Auch in Sachen Klamotten gibt es durch viele wirklich coole Second-Hand-Shops genug Lösungen, um ressourcensparend, stylisch schoppen gehen zu können. Wir müssen es nur wollen. Und uns mit den Möglichkeiten, die wir haben auseinandersetzen. Wenn die Umwelt uns wirklich etwas wert ist, werden wir einen Weg finden. Unser Lebensraum geht uns alle etwas an. Wir müssen nur anfangen dessen Wert zu begreifen.