Ist das Kunst, oder kann das weg? So divers ist unsere Vorstellung von Kunst, dass so mancher es nicht vermag Kunst von Müll zu unterscheiden. Schon immer war es schwierig ein Kunstwerk anders zu beurteilen, als aus der eigenen subjektiven Perspektive. Dabei geht es vielleicht gar nicht darum, sagen zu können, was Kunst ist und was nicht. Viel interessanter ist doch die Frage: Warum machen wir überhaupt Kunst?
Schiele, Klimt, Hundertwasser! Wien ist die Stadt der Künste und wird oft auch als Kulturhochburg Österreichs beschrieben. Vor allem die bildenden Künste sind in der Stadt hoch angesehen. Im ersten Wiener Gemeindebezirk steht ein wunderschönes Backsteingebäude: Die Angewandte gehört zusammen mit der Universität der bildenden Künste zu den begehrtesten Hochschulen für Kunst und verspricht einen raschen Einstieg in die Wiener Kreativszene. Diese Institutionen haben einen großen Wert für Wien und die Kunstszene allgemein. Doch mein Ziel war es nicht mir die etablierten Einrichtungen anzusehen. Vielmehr wollte ich mich der Frage widmen, wieso wir Kunst machen. Geht es um Ansehen und Erfolg? Geht es um Leidenschaft? Oder vielleicht doch darum, mal etwas Anderes zu machen?
Dafür habe ich mit Menschen gesprochen, die keine klassische Ausbildung gemacht haben. Instagram schien mir eine passende Plattform zu sein, um die Kanäle nach Kunstschaffenden abzusuchen. Beim durchscrollen stieß ich auf die Posts eines alten Bekannten. Fritz wohnt nun schon seit einigen Jahren in Wien und macht neben seinem Architekturstudium auch Kunst. Ich frage ihn, ob er Lust darauf hat mich ein wenig in seinem Künstleralltag mitzunehmen.
Wir treffen uns bei seinem Atelier, das sich in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet. Ich warte auf der Straße vor einem Garagentor, da ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich der richtige Ort ist. Ein kurzes Pfeifen hallt von hinten durch den Gang und Fritz kommt mir mit gut gelaunter Miene entgegen. Wir holen uns noch einen Kaffee bei einem kleinen Lokal um die Ecke.
Danach führt er mich wieder durch den hallenden Gang hindurch. Wir steigen ein paar Treppen hoch und Fritz öffnet mir mehrere metallene Türen. In dem Gebäude haben haben auch andere bekannte Künstler:innen ihre Ateliers.
Nach der letzten Tür befinden wir uns in einem Raum, der voll gefüllt ist mit Gerümpel. Dann endlich betreten wir den Raum, in dem Fritz arbeitet. Ein großes weißes Studio. Links an der Wand hängen ein paar bekritzelte Leinwände. Rechts steht ein langer Tisch mit Spraydosen, Pinseln und Farben. Und an die Wände lehnen sich dutzende von Leinwänden.
Wir lassen uns auf einer kleinen Sitzecke am anderen Ende des Raums nieder. Fritz dreht sich eine Zigarette und wir quatschen über das Studium, Bouldern und die Schwierigkeiten des Berufeinstiegs.
Fritz macht gerade seinen Bachelor in Architektur fertig. Seine Kreativität zeigt sich aber nicht nur hier. Seit ein paar Jahren macht er auch Musik und malt nebenher regelmäßig. Seine erste Ausstellung im Sommer war ausverkauft. Und auch sonst verkauft er nebenbei immer wieder mal ein paar Bilder.
Seine Kunst erinnert mich an den Pop Art Künstler Keith Haring, denn auf den Bildern von Fritz erkenne ich dicke, schwarze Linien und Comic-artige Figuren.
Fritz:
„Definitionsmäßig mache ich abstrakte Kunst, die in Richtung grafische Gestaltung geht. Aber im Prinzip mach ich einfach, was mir gerade im Kopf ist. Ich denke nicht großartig darüber nach, also sehr wenig Konzept und viel einfach ausprobieren und machen. Meistens entstehen meine Bilder aus einem Fluss, also ich male eigentlich immer nur eine Linie. Das ist mein Charakter, in dem ich versuche zu bleiben momentan.„
Mich interessiert, wie er zu seiner Kunst gekommen ist.
„Ich habe irgendwas gebraucht um ein bisschen runter zu kommen. Das war gerade vor Corona und gerade Beziehungsende und irgendwie großes Drama im Kopf und nicht wirklich ein Ausgleich zu dem Ganzen. Dadurch hat das angefangen, dass ich auf groß angefangen hab zu malen und nicht nur auf kleinem Papier, was man sonst so im Alltag eigentlich macht.“
Kunst bedeutet für Fritz nicht nur Ruhezeit. Er sieht sich dem gesellschaftlichen Druck von heute ausgeliefert. Der besagt, wir sollten auch in unserer Freizeit etwas Produktives machen.
„So mach ich hald in meiner Freizeit jetzt Kunst, um so mein Schuldgefühl unterdrücken zu können nichts Produktives zu machen. Gleichzeitig bringt es mir auch eine gewisse Ruhe. Ich merke schon, dass ich mich besser fühle, wenn ich etwas aktiv gemacht habe, wo ich zum Schluss einen Output habe.“
Er sieht sich selbst nicht unbedingt als Künstler, da er keinen universitären Abschluss hat. Er meint, jeder könne eigentlich das machen, was er macht, also wäre ja eigentlich jeder Künstler. Fritz sitzt auf seiner giftgrünen Samtcouch und lächelt.
„Schwer zu sagen, ob man jetzt selber Künstler ist. Das muss jemand außenstehender beurteilen. Aber Ich mach sehr gerne Kunst.“
Kunst muss seiner Meinung nach nicht immer gut sein. Jede Kunst hat ihre Daseinsberechtigung. Vor allem ist sie wichtig für uns selbst.
„Alleine es zu machen ist für jeden wichtig, sich kreativ zu beschäftigen und zu versuchen, sich selbst auszudrücken. Insofern finde ich es extrem wichtig für die Gesellschaft. Ich würde es jedem raten Kunst zu machen, denn wenn man es einmal schafft diesen Failure-Gedanken raus zu nehmen, also dass man etwas machen könnte, was vielleicht nicht irgendjemdandem gefällt, sondern es einfach nur zu machen, weil man gerade Lust drauf hat, dann tut es extrem gut.“
Ich frage ihn, ob er gerade an etwas Neuem arbeitet. Er zeigt auf ein Bild an der Wand hinter mir. Ich will mir das Bild mal aus der Nähe anschauen. Zu sehen ist eine gelbe Leinwand. Darauf ist eine Schrotflinte zu erkennen, aus der eine lachende Blume herausschießt. Das Bild sieht anders aus als seine bisherigen Arbeiten…
„Das ist tatsächlich das erste Bild, das ich gerade male, das aus dem Einlinienmodell herausbricht. Der Hintergrund hat noch die Aspekte, doch ich hatte die Idee, ich will etwas malen, wo es um Aggression geht, die aber in was Schönes verwandelt wird. Das hat auch ein bisschen mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, weil ich sehr viel Wut in mir hab, die ich versuche zu verarbeiten. Das mache ich eben hauptsächlich durch Kunst und Sport. Dadurch schöpfe ich neue Kraft, um weiterzumachen, um mich an neue Projekte zu setzen und Begeisterung und Energie reinzubringen.“
Mir gefällt das Bild sehr. Für mich ist Fritz ein Künstler. Wir setzen uns wieder hin. Fritz legt eine Reggae-CD ein und wir plaudern noch ein bisschen. Vier, fünf Zigaretten später verabschiede ich mich dann.
Gleich treffe ich mich mit Manuel. Ich folge seinem Kanal auf Instagram schon seit längerem. Er hat sich ebenso dazu bereit erklärt mir ein kurzes Interview zu geben. Vor seiner Haustür befindet sich eine riesige Baustelle. Ich hoffe, dass sie während des Interviews nicht allzu laut ist. Es klingelt und Manuels Stimme ertönt.
Zum Glück bin ich das Treppensteigen schon gewohnt. Im dritten Stock angekommen steht die Wohnungstüre offen. Manuel steht schon im Raum und bietet mir gleich etwas zu trinken an. Besuch ist auch da: Ludo ist ebenfalls Künstlerin. Einige Bilder haben sie auch schon zusammen gestaltet. Ich freue mich mit beiden über ihre Kunst sprechen zu dürfen. Manuel hat auf Instagram über 225 Tausend Follower. Dafür wirkt er alles andere als abgehoben.
Manuel:
„Ich mache hauptsächlich, was mir gefällt, mal Bilder und gestalte Leuten Sachen mit ganz, ganz vielen Linien. So versuch ich irgendwie über die Runden zu kommen.“
Manuel nutzt alles Mögliche für seine Kunst, von Fassaden, über Papier zu Karton und Leinwänden. Dabei hat er in den letzten Jahren einen ganz eigenen Stil entwickelt. Wie Fritz ist auch er nicht über ein Kunststudium zur Malerei gekommen:
„Ich bin auf ne ganz ursprüngliche, eigene Art zu meiner Kunst kommen, insofern dass meine Mutter das von Anfang an total gepusht hat und hochgehalten hat und mir ein gutes Gefühl gegeben hat über die Dinge, die ich gezeichnet und ihr gezeigt hab. Dadurch hab ich nie aufgehört zu Zeichnen.“
Ludovica oder auch LunaDoz, wie sie auf ihren Kunstwerken unterschreibt, fing auch sehr früh an Kunst zu machen. Dabei hat sich ihre Kunst mit ihr verändert:
Ludo:
„Ich habe schon als Kind sehr viel gemalt, gezeichnet, viel mit Ton gearbeitet – alle möglichen Kunstobjekte benutzt. In den letzten Jahren ist die Kunst dann düsterer und minimalistischer geworden. Weniger Farbe, meistens schwarz-weiß und ich habe vielmehr mit Linien und Texturen gearbeitet.“
Für Ludo war Kunst schon immer ein Ventil für ihre Emotionen.
„Was auch immer es war, Wut, Traurigkeit oder Verliebtsein, war für mich immer ein Grund zu malen. Jetzt ist es auch meisten ein Weg, etwas auszudrücken, was ich nicht mit Worten ausdrücken kann und es hilft sehr. Ich hab manchmal auch das Gefühl, dass es eine leicht therapeutische Wirkung hat.“
Doch warum machen Menschen überhaupt Kunst? Für Manuel bedeutet Kunst zu machen vor allem Geld verdienen. Er sieht seine Arbeit als etwas Besonderes, genau weil er davon leben kann. Er hat für mich aber auch noch eine ganz nüchterne Antwort parat:
Manuel:
„Ab dann, wo Leute wirklich mehr Nahrung produzieren konnten, als sie brauchten, haben solche Sachen, wie Beschmückungen, Kultur, Religion begonnen. Weil Status und gesellschaftliche Unterschiede auch dadurch ausgedrückt worden sind. Ich glaube daraus kommt das ehrlich gesagt, dass man darstellen will, wer man ist. Heutzutage auch Charakter, politische Einstellung oder solche Sachen.“
Ludo:
„Kunst ist immer eine Form von Ausdruck und die Menschen brauchen das. Aber nicht nur die Menschen, ich glaub dass Kunst auch im Tierreich präsent ist und wir unterschätzen das, wie sehr die Tiere sich künstlerisch ausdrücken. Wenn ein Vogel singt, ist das für mich auch Kunst, weil er macht es ja nicht immer, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, sondern manchmal ist es einfach was Inneres, was rauskommen will und es fühlt sich gut an. Ich glaube, das ist ja Kunst! Kunst ist etwas, was man drinnen hat und man will es rausbringen, man will es teilen.“
Eigentlich sollte dann ja jeder Kunst machen. Wir haben alle Gefühle, die wir teilen wollen. Auf Instagram posten wir ja auch ständig Bilder von uns selbst, um uns auszudrücken. Sind wir dann alle Künstler:innen?
Manuel:
„Dass das in jedem drinnen ist, damit bin ich schwer einverstanden. Aber viele Menschen haben das als Kind abgetötet bekommen oder so und sehen sich dann überhaupt nicht kreativ und trauen sich dann auch nicht irgendwelche Entscheidungen zu treffen, was im übertragenen Sinn auch ein Bild malen oder ein Musikstück komponieren sein kann.“
Ludo:
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder ein Künstler ist oder sein kann. Es geht nur darum, ob er das ausdrücken will oder nicht. Sobald es nicht ausgedrückt wird, kann es keine Kunst sein, weil es nicht geteilt werden kann. Es bleibt nur eine Idee, ein Konzept. Aber wenn man nichts damit macht, ist es schwer, es als Kunst zu bezeichnen.“
Ich merke, wie viel positiven Einfluss die beiden aufeinander haben. Den Rest des Tages werden Manuel und Ludo noch mit gemeinsamem Malen verbringen. Ich bin schon gespannt auf ihre nächsten Bilder.
Beim Plaudern habe ich fast Lust darauf bekommen, mich selbst vor die Leinwand zu stellen. Denn Kunst können auch meiner Meinung nach alle machen. Selbst in einer Stadt, wie Wien, die schon voll von talentierten Künstler*innen ist. Man muss sich nur trauen seine Kreativität auszuleben!