Diversität und Selbstliebe als Schönheitsideale im Postfeminismus?
Was ist Schönheit? Wer definiert, was schön ist und was nicht? Als Kind besaß ich zwölf sich bis aufs kleinste Detail gleichende Barbie-Puppen: blond, blauäugig und dünn. Eine Puppe, wie sie sich jedes Mädchen wünschte. Ich hatte damals noch keine Ahnung, dass diese Puppe ein Schönheitsideal darstellte, das nicht im Geringsten dem Körper einer realen Frau entsprach. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass ich ein Kind war und meine Barbies für mich meine besten Freundinnen, die ich hübsch machen und mit denen ich spielen konnte, ohne einen Gedanken an unrealistische, idealisierte Körpermaße zu verschwenden. Die Barbie-Puppen waren einfach schön. Doch was empfinden wir als schön? Wieso wird unsere Vorstellung von Schönheit von einem schmalen, glatten Frauenkörper bestimmt?
In den westlichen Kulturen gilt eine schlanke Figur bei Frauen immer noch als die erstrebenswerteste Körperform. Sie wird nicht nur als schön empfunden, sondern steht auch in Verbindung mit vielen positiven Aspekten des Lebens. Eine dünne Figur wird als das Erfolgsrezept für ein glückliches Leben gesehen. Schlanke Menschen dürfen sich demnach mehr sozialer Akzeptanz erfreuen als dicke Menschen. Sie haben ein größeres soziales Umfeld, bessere Chancen im Berufsleben und somit mehr Möglichkeiten auf ein gutes Leben in unserer Gesellschaft. Das war jedoch nicht immer so. Vor dem zwanzigsten Jahrhundert war ein schlanker Körper alles andere als schön. Schon in der Steinzeit galten runde, weiche Frauenkörper als fortpflanzungsfähig und gesund und somit auch als schön. Die in der Wachau in Niederösterreich entdeckte Venus von Willendorf zeigt einen Frauenkörper mit starkem Gesäß und hervorstehendem Bauch – ein Körperbild, das auch von späteren Epochen übernommen wird. Seit dem Mittelalter legen Künstler wie Rembrandt, Rubens und Renoir Wert auf füllige, weiße Frauenkörper mit rundem Bauch und prallen Schenkeln. Wie konnte sich das westliche Schönheitsideal bis heute so stark verändern?
Die Sozialphilosophin Judith Butler hat die These aufgestellt, dass das Geschlecht – unabhängig von der biologischen Unterteilung in weiblich und männlich – nur eine soziale Norm, also etwas von der Gesellschaft Konstruiertes ist. Aus verschiedenen historischen Kontexten können wir herauslesen, dass das Geschlecht immer in Zusammenhang mit politischen und kulturellen Verflechtungen steht, in denen es produziert und aufrechterhalten wird.
Diese These kann auch auf den Körper übertragen werden, denn Schönheit ist alles andere als ein absoluter Wert. Schönheit ist ein Dispositiv, das sich seit der Bildung einer Gesellschaft aus Normen und Moden entwickelt hat. Sowie Geschlecht, Butler zufolge, im Dienste politischer und sozialer Interessen steht, wird das Schönheitsmodell für politische und kapitalistische Zwecke diskursiv hergestellt.
Ist die Kultur also ein unumgehbares Schicksal und die Frau als passives Subjekt der Zuschreibung machtlos? Wenn das Ideal von Schönheit gesellschaftlich konstruiert ist, könnte es dann nicht anders konstruiert werden? Oder impliziert seine Konstruiertheit eine Form von sozialem Determinismus, der es unmöglich macht zu handeln und die Strukturen zu verändern? Butler weist darauf hin, dass die juristischen Strukturen von Sprache und Politik das gegenwärtige Feld der Macht bilden. Dies macht es uns unmöglich außerhalb dieses Feldes zu agieren. Vielmehr besteht unsere Aufgabe darin, die hervorgebrachten Ideale innerhalb dieses konstituierten Rahmens zu kritisieren. Dafür ist es notwendig einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und die kapitalistischen und politischen Strukturen rund um den Begriff der Schönheit zu erkennen. Schauen wir uns die Geschichte der konstituierten Schönheit doch etwas genauer an!
Erst mit der aufkommenden Modeindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts wird Schönheit kodifiziert und kommerzialisiert. Frauen- und Modemagazine bestimmen was schön ist und was nicht. Ein schlanker, großer und weißer Frauenkörper stellt die Norm dar, der viele nachzueifern versuchen. Schönheit bedeutet Luxus und nur ein winziger Teil der Frauen ist von Geburt an mit diesem Attribut gesegnet und dafür bestimmt auf Laufstegen und in Modemagazinen zu leuchten.
Einige Jahrzehnte hält sich dieser Trend, bis Anfang der 1950er Jahre durch die Film- und Modeindustrie ein neuer Frauenkörper idealisiert wird. Stars der damaligen Zeit, wie Marilyn Monroe, beweisen, dass Kurven sexy sind und große Brüste, eine schmale Taille und schlanke Beine schön und begehrenswert sind.Es dauert nicht lange bis es durch Ikonen wie Audrey Hepburn abermals zu einer Wende in Richtung Schlankheit kommt, die nun als elegant angesehen und von vielen jungen Frauen kopiert wird. Das Ideal der dünnen, großen Frau etabliert sich immer stärker und wird durch Supermodels, wie die jungenhaft aussehende Twiggy oder in den Neunzigerjahren für viel Aufregung sorgende Kate Moss weiter gefördert. „Heroin-Chicks“ eroberten die Laufstege, die eher eine Ästhetik von abgemagerten Drogensüchtigen hatten, als Glamour und Glanz versprühten. Ein androgyner, schlanker Körper bleibt bis zur Jahrtausendwende also das vorherrschende weibliche Körperbild, das von der westlichen Gesellschaft als schön angesehen wird. Für arabische, lateinamerikanische, dicke oder alte Frauen oder Frauen mit anderweitigen Eigenschaften ist die öffentliche Kategorie Schönheit lange Zeit nicht vorgesehen.
Wenn Schönheit aber die Erfindung der großen Modehäuser ist und nicht zuletzt von kulturellen Trends und gesellschaftlichen Vorgängen abhängig ist, liegt es dann nicht an uns zu bestimmen, was Schönheit bedeutet? Was passiert, wenn wir den kleinen Radius dessen, was wir als schön begreifen, einfach ausweiten?
Das hat uns das einundzwanzigste Jahrhundert gezeigt. Der Katalysator für die veränderte Sicht auf die Schönheit ist das Zusammenspiel sozialer Medien, vor allem auch digitaler Netzwerke wie Instagram, von Ökonomie sowie einer Konsumentengeneration mit ausgeprägterem ästhetischen Bewusstsein. Die Digitalisierung und Soziale Medien verstärken die Konzentration auf den (weiblichen) Körper. Barbara L. Fredrickson und Tomi-Ann Roberts entwickelten 1997 die Objektivierungstheorie. Nach dieser Theorie werden Frauenkörper durch soziale Praktiken und Diskurse als Objekte konstruiert. Sie sind einer ständigen Betrachtung und Bewertung ausgesetzt und werden sexualisiert. Frauen werden daher nicht als facettenreiche Personen mit vielschichtigen äußeren und inneren Merkmalen gesehen, sondern als reine Ansammlung von Körperteilen, welche in erster Linie wegen des Gebrauchs für andere geschätzt werden. Selbstwahrnehmung und -darstellung haben dadurch einen enorm hohen Stellenwert bekommen. Hinzu kommt, dass schön sein nicht mehr nur die Ausnahme darstellt: Durch Fortschritte in der Schönheitschirurgie, leistbare Mode durch die Fast-Fashion-Industrie und erschwingbare Fitness- und Ernährungstrends kann nun auch die Durchschnittsfrau ihren gewünschten Beauty-Standard erreichen.
Schönheit fand ihren Weg in den öffentlichen Diskurs und wurde zu einem kulturellen Raum umfunktioniert, in dem Frauen ihren Begriff von Schönheit selbst neu definieren. Die Modewelt wurde in den letzten Jahrzehnten viel offener für eine Vielzahl an verschiedenen Körpern, Hautfarben und Geschlechtern. Mit dem Cover der britischen Ausgabe der Modezeitschrift Vogue leitete Chefredakteur Edward Enninful ein neues Zeitalter der Diversität ein. Auf der Mai- Ausgabe posieren neun Models unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Kleidergröße und das erste Hijab-tragende Model kommt auf die Titelseite. Auf Twitter wird das von Diversität geprägte Cover mit offenen Armen begrüßt. Ein Twitter-User kommentiert das Cover mit den Worten:
“Wow! A true and beautiful reflection of our global society. This is what women really look like! All shades, shapes and sizes. Gorgeous!“
Obwohl die meisten Frauen unserer Gesellschaft zwar nicht ganz aussehen wie die Supermodels auf dem Vogue-Cover, kann man sagen, dass die Modeindustrie in den letzten Jahren einen enormen Schritt in Richtung Akzeptanz verschiedenster Körper getan hat. Dass der weiße, dünne und heterosexuelle Frauenkörper nicht mehr vollends den Markt bestimmt, lässt sich nicht zuletzt an der diesjährigen Staffel der deutschen Castingshow Germanys Next Topmodel erkennen. Die Show unterzog sich einem starken Wandel in der Auswahl der Mädchen. Statt der sonst sehr jungen, schmalen und vor allem ähnlich aussehenden Frauen ließ Model und Moderatorin Heidi Klum dieses Jahr auch dunkle Frauen, Over-Size-Models und Frauen mit Kopftuch unter die Besten kommen. Die vier Finalistinnen hätten so nicht unterschiedlicher Sein können: zu klein, Übergröße, muslimisch und transgender. Mit der transgender-Gewinnerin Alex schreibt die Casting-Show Geschichte und öffnet Models mit nicht-binären Geschlechteridentitäten auch im deutschsprachigen Raum die Türen. Auch sonst eher konservativen Werten folgende Eltern nehmen die Gewinnerin nach mehreren Folgen des Mitfieberns wohlwollend an. So wie die LGBTIQ-Szene immer mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft rückt, ist auch die ihnen eigene Ästhetik Teil des Schönheitsdialogs geworden. Die großen Körper, langen Beine und kantigen Gesichtszüge werden als erstrebenswertes Schönheitsideal angesehen.
Nicht nur Transgender-Models fanden einen Weg in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Vor allem für adipöse Frauen gab es lange Zeit keine passende Mode, ihnen wurden schlechte Attribute, wie Fauhlheit und Ungepflegtheit zugeteilt und in der Gesellschaft hatten sie einen minderwertigen Stellenwert. Bis heute werden dickere Menschen nicht zur Gänze akzeptiert.
Eine globalisierte, neue Medienlandschaft zwingt uns jedoch zu einem Umdenken. Die sozialen Medien – vor allem Instagram – haben die Stimmen von Minderheitengruppen verstärkt, sodass ihre Forderungen nach mehr Sichtbarkeit nicht mehr so leicht ignoriert werden können. Der Datenplattform Statista zufolge verfügt Instagram heute über mehr als eine Milliarde aktive Nutzer und Nutzerinnen. Mehr als fünfhundert Millionen von ihnen sind täglich auf Instagram aktiv. Mit diesen Zahlen will ich verdeutlichen, was für eine enorm hohe Reichweite die Plattform hat und wie mächtig sie sein kann, wenn es um Trends und Meinungsbildungen in der Gesellschaft geht.
Die britische Royal Society of Public Health und das Young Health Movement untersuchten 2017 mit der Studie #StatusofMind die positiven und negativen Auswirkungen von Social- Media-Plattformen auf die Gesundheit junger Nutzer und Nutzerinnen. Dabei wurden die Plattformen Youtube, Twitter, Snapchat, Facebook und Instagram genauer analysiert. Instagram wurde als die Plattform eingestuft, welche die Gesundheit der Jugendlichen am negativsten beeinflusst. Besonders schlecht schnitt Instagram hierbei in den Kategorien Angstzustände, Depression, Einsamkeit, Schlaf und Körperbild ab.
Um diesem Problem entgegenzuwirken wird in den Sozialen Medien eine körperbejahende Bewegung laut, die darauf abzielt den normalen weiblichen Körper in den gesellschaftlichen Diskurs zu integrieren und so ein neues Schönheitsbild zu schaffen. Instagram hat ein Phänomen hervorgebracht, das nicht nur Einfluss auf Trends, sondern auch auf das Selbstwertgefühl tausender Menschen hat. Eine neue Generation von Influencerinnen nutzt ihre Macht in den Sozialen Medien, um auf Instagram für die Stärkung des „normalen“ Körpers zu werben. Trotz des immer noch vorherrschenden Ideals der dünnen, sportlichen Frau, gibt es eine immer größer werdende Tendenz zu einer gewissen Körperpositivität und -akzeptanz.
Fettleibige Frauen plädierten in digitalen Plattformen für mehr Akzeptanz und erschufen die Body-Positivity-Bewegung. Niemand konnte ihnen vorschreiben ihren adipösen Körper nicht öffentlich zu zeigen. Sie forderten mehr Aufmerksamkeit, machten auf ihre Probleme aufmerksam und zeigten ihre Körper mit all ihren Rundungen, Cellulite und Speckschwarten. Userinnen verfolgen das Ziel gegen die Diskriminierung von fetten Menschen vorzugehen. Eine Instagram-Userin teilt einen Beitrag, in dem sie nackt, nass und tättowiert im Badezimmer sitzt. Sie schaut emotionslos in die Kamera. Unter dem Hashtag #bodypositivity richtet sie sich mit einigen Worten an ihre Follower:
“I have struggled my whole life to, not even love myself, but to try and least like myself a little! I am mentally tormented every single day by my body and the thoughts within. But lately, after finding this incredible community, I am not only able to begin loving myself… I am using my body to try and inspire somebody else to start loving theirs too! I have scars, mental and physical, I have cellulite, rolls, fat, jiggle and hair in unwanted places. I have wrinkles and spots and saggy boobs. But, you know what else I have. I have a new confidence in my body and am now forever grateful for all it is actually capable of. No more comparing myself to others.”
Obwohl der Begriff der Body-Positivity ursprünglich für die Akzeptanz fetter Menschen eingeführt wurde, hat sich der Begriff in den letzten Jahren um die Inklusion aller Körper erweitert. Die Body-Acceptance-Bewegung ist eine Antwort auf den extrem hohen Druck einem genormten und perfektionierten Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Es geht nicht mehr nur darum dicke Menschen zu akzeptieren, vielmehr sollte der Begriff eine Bewegung ins Rollen bringen, die alle Menschen für wertvoll empfindet, so wie sie sind. Unter Hashtags wie #bodyacceptance oder #normalizenormalbodies werben Influencerinnen auf sozialen Medien für die Stärkung des normal aussehenden weiblichen Körpers. Die Wienerin Rebecca Chelbea wirbt auf ihrem Instagram-Kanal für mehr Selbstliebe und Würde gegenüber dem eigenen Körper. Gekonnt setzt sie Speckröllchen, behaarte Achselhöhlen und unrasierte Beine in Szene, macht auf Sexismus und die Ungerechtigkeiten, denen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft ausgesetzt sind, aufmerksam. Mit ihren 173 000 Abonnenten und Abonnentinnen zählt auch die deutsche Charlotte Weise zu einer der bekannteren Influencerinnen der Body-Acceptance-Bewegung im deutschsprachigen Raum. Auch sie zeigt ihren Körper von allen Richtungen, postet Fotos mit Doppelkinn oder Bäuchlein. Der Trend zur Selbstliebe ist nicht zu übersehen. Dabei kann man genau bei diesen beiden Influencerinnen erkennen, dass sich die „Bo-Po-Bewegung“ – wie sie auch genannt wird – von wirklich fettleibigen Personen entfernt hat und es mehr um kleine Schönheitsfehler oder Imperfektion geht. Obwohl die geposteten Fotos, die mit Sorgfalt in Szene gesetzt worden sind, in höchster Qualität erscheinen und die Frauen auch mit ihren kleinen Makeln noch zu der Sorte „hübsche Frauen“ gehören, vermitteln die Influencerinnen doch vor allem eines: mehr Selbstbewusstsein und ein stabileres und gesünderes Denken in Bezug auf den eigenen Körper und dessen Selbstdarstellung. Welche Auswirkungen kann der Konsum solcher Beiträge für junge Frauen bedeuten? Können derartige Posts das alltägliche Handeln, Denken und Fühlen wirklich verändern? Influencerinnen erschaffen eine Mikropolitik der Ermächtigung, indem sie ihren Körper gekonnt nutzen, um in vorherrschende Strukturen einzugreifen. Diese hilft den Userinnen dabei hinter die Fassade perfekter Körper auf Social Media, Plakaten oder in Zeitschriften zu sehen. Heute sind es nicht mehr nur die Supermodels, die schön sind. Influencerinnen sind Mädchen von nebenan, die mit denselben Makeln und Problemen zu kämpfen haben, wie ich. Dieses Denken fördert nicht nur das Selbstbewusstsein von Frauen, es verändert auch die Sicht auf sich selbst und die Schönheit anderer. Unsere Gesellschaft ist offener geworden. Aber nicht nur das.
In der Popkultur erobern schwarze, kurvige Frauen den gegenwärtigen Musikmarkt. Hip Hop, Funk, Soul und Rap gleiten immer mehr in den Mainstream und Sängerinnen wie Nicki Minaj, Cardi B und Doja Cat setzen ihre kurvigen, dunklen Körper gekonnt in Szene. Die Sängerinnen verwenden ihren Körper als Ausdrucksmittel von Freiheit und lieben es über ihre großen Hintern und vollen Brüste zu singen. Mit viel Selbstbewusstsein kennzeichnen sie eine neue Ära von postfeministischen Frauen. Der Feminismus spielt bei der Wahrnehmung von Schönheit eine nicht unwichtige Rolle. Ein feministischer Ansatz geht davon aus, dass Frauen, die feministische Werte und Einstellungen gegenüber ihrem Körper vertreten, zufriedener mit ihrem Körper sind. Eine Studie mit Studentinnen, die im Journal Psychology of Women Quarterly veröffentlich wurde, zeigte, dass feministische Frauen die Vielfalt ihres Körpers eher würdigen. Durch den Feminismus war es für die Studentinnen leichter kulturelle Schönheitsideale zu erkennen und diese abzulehnen. Feministisch denkende Frauen plädieren daher auf eine neue Definition von Schönheit, welche über das physische Erscheinungsbild hinausgeht.
Wie gerade erwähnt, befinden wir uns jedoch in einer Zeit, die manche als postfeministisch bezeichnen würden. In dieser Zeit hat Schönheit etwas mit Selbsterkenntnis und Individualität zu tun. Die Aneignung des eigenen Körpers dient als Maßnahme, um die weibliche Individualität zu stärken. Dabei wird Femininität als natürliche sexuelle Andersartigkeit gesehen und positiv bewertet.
Angela McRobby sieht diese Individualisierung innerhalb der weiblichen Populärkultur jedoch als einen Rückschritt an, indem die errungene Freiheit der Frau nur vorgetäuscht wird.
Ihr zufolge werden junge Mädchen in der westlichen Gesellschaft heute als bereits gleichberechtigte Wesen dargestellt, die ihr feministisches Ziel erreicht hätten. Vor allem Popkultur und Medien bringen eine Verwässerung der eigentlichen Problematik der weiblichen Existenz innerhalb eines Patriarchats. Die Konsumkultur hat ein sensibles Instrumentarium entwickelt, um vorzugeben auf die Frauen zu achten und sie anzusprechen. Demnach hat der Feminismus seine Arbeit getan. Er wird als wichtiger Weg im Zuge der Gleichberechtigung der Frau anerkannt, ist für die heutige Zeit aber nicht mehr relevant, da die Rechte der Frau nun in den Armen des Staates liegen.
In Wirklichkeit geht es immer um Quote, Erfolg und Geld. Die Unterhaltungsindustrie ist vom Kapitalismus eingetränkt, wie keine andere. Der Postfeminismus hat den Feminismus absorbiert. Feministische Ideen können von der kapitalistischen Maschinerie gut genutzt werden, um neue auf Konsum orientierte Strukturen zu schaffen.
Es hat den Anschein, dass moderne Frauen sich dazu entscheiden sexualisierte Objekte zu sein und genau deshalb ihre weiblichen Körperteile in den Fokus rücken. Der Postfeminismus ermöglicht zwar sexuelle Freiheit, verhindert jedoch eine echte Frau mit echten Gefühlen zu sein, die die Erfüllung in romantischer Ehe und Mutterschaft sieht. Was der Postfeminismus also ermöglicht, ist eine Option, sich auf diesem Gebiet zu positionieren, und zwar durch die Verfügbarkeit von Begriffen wie Freiheit und Wahl.
Die Bedeutung der Mode- und Schönheitsindustrie findet sich unter einer postfeministischen Maskerade wieder. Die Konsumkultur handelt im Namen des alten Patriarchats, aber mit einem neuen Selbstregulierungsmechanismus. Frauen handeln nicht mehr, um Männern zu gefallen oder sogar, um Männer anzuziehen. Ihr Aussehen und ihre Selbstdarstellung sind Teil eines Mechanismus, der ihnen sagt, dass sie dadurch selbst ihren Platz in der Gesellschaft bestimmen können. McRobby sieht die errungene Selbstbestimmtheit jedoch kritisch:
“Once again against the spectre of the unfashionable feminist,
who is like a disapproving mother, the young woman chooses to indulge her obsessions in body image in fashion and consumer culture. On the one hand this lifts the young women outside the remit of the male gaze, her fashionista obsessions explicitly disregard the field of male approval. On the other hand in the workplace, the over concern with feminine appearance, the way in which the girl reader of Grazia magazine is literally weighed down with accessories with jewellery with heels, with new dresses every week, with body treatments and especially with bags….and shoes….means that she herself undermines her occupational identity with the visible signs of so many other items which need her attention. She surrounds herself with objects which, even when she ironically refers to their presence as constraining and superficial in some way displays a signal of feminine weakness, vulnerability, and the need for approval, there is something girlish in the post-feminist masquerade which is reassuring to men. She has shown herself to be too slavishly observant of fashion rules to be a really confident woman.”
Diese kapitalistische Strategie beinhaltet die Aufspaltung dessen, was wir in der
Vergangenheit als feministische Solidarität bezeichnet hätten. Individualisierung bedeutet, sich um sich selbst zu kümmern, und in der weiblichen Populärkultur bedeutet dies eine Rückkehr zu einem altmodischen, weiblichen Konkurrenzdenken, das Zickigkeit und Klassenverachtung inkludiert.
Dabei liegt der Grundstein des Feminismus im Zusammenhalt von sich solidarisierenden Mädchen, die gemeinsam für ihre Rechte kämpfen. Ziel ist es nicht nur ausgrenzende Verhältnisse umzukehren, sondern ein grundlegend anderes Zusammenleben zu verwirklichen, ohne kapitalistische Zwänge, ohne Sexismus und ohne Diskriminierung.
Mit der aufkommenden feministischen Riot-Girl-Bewegung des späten zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlicht das Fanzine Riot Grrrl 1991 ein Manifest, in dem die der Bewegung angehörigen Mädchen eine „Girl-Revolution“ fordern, die sich gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Diskriminierung aufgrund des Alters, der Sexualität, des Geschlechts, der Klasse oder körperlicher Behinderung wenden soll. Die Bewegung plädiert dabei vor allem auf Austausch und Kommunikation zwischen den Aktuerinnen, denn der Austausch über genderspezifische Erfahrungen im täglichen Leben hat sowohl ermutigende als auch tröstende wie auch solidarisierende Effekte, bildet Selbstbewusstsein und führt zu einem Umdenken durch Gesellschaftskritik. Influencerinnen der Body-Acceptance-Bewegung verhelfen der Förderung genau diese Werte.
Die neue Offenheit gegenüber einem diversen Schönheitsideal und die auf Social Media erkennbare Bejahung des eigenen, imperfekten Körpers sind somit Teil des Postfeminismus, in der eine freie Identitätsbestimmung an oberster Stelle steht. Genau diese sollte aber auch kritisch betrachtet werden, da sie auch zu einer Marketingstrategie in einem kapitalistischen System gehört. Die Akzeptanz eines erweiterten Schönheitsbegriffs muss mit einem Bewusstsein um eine Konsumkultur gesehen werden, die sich den weiblichen Körper im Postfeminismus raffiniert zu Nutze macht, um Konsumentinnen an sich zu binden. Die scheinbar neu errungene Freiheit erliegt somit einem weiteren Rückschlag, wenn es um die Gleichstellung der Frau geht und steht nicht im Sinne des Feminismus.
Der weibliche Körper dient wie so oft in der Geschichte als Instrument für Marketing- und Werbezwecke. Wenn eine Vielzahl diverser Körperformen als schön empfunden wird, erweitert sich die Zielgruppe um einen enorm hohen Radius und Modefirmen und Beauty-Produkt- Marken warten nur darauf endlich auch diesen Teil der Bevölkerung ansprechen zu können. Denn durch den größeren Verkaufsradius wartet eine enorm hohe Summe an Geld auf sie. Vor allem die Hygiene- und Kosmetikmarke Dove verfolgt eine „Positive Beauty“-Strategie: Sie ist für ihre Anzeigen abseits eines normierten Körperideals bekannt. In vielen Werbungen des Herstellers werden Frauen verschiedener Körper-, Haut- und Alterstypen gezeigt. Vor allem in der diesjährigen Werbekampagne ist klar, was die Marke bewirken will: Mehr Body-Love statt Body-Shaming. An den Bahnhöfen Berlins springen mir Werbeplakate mit dicken, glücklichen Frauen entgegen, lachend und mit stylischen Dessous wird das Bild von Sprüchen begleitet, wie: „Erlebt Bodyshaming wegen ihrer Kurven seit sie 13 ist“ oder „2 von 3 Frauen erleben Bodyshaming – das muss aufhören“. Dabei setzt die Marke gezielt auf die Minderwertigkeitsgefühle der Frauen und bindet so eine enorm große Zielgruppe an sich, die ihren Körper eher als durchschnittlich oder sogar hässlich, denn als schön bezeichnen würde.
Für die Marke ein voller Erfolg. Für die Betroffenen ein weiterer Schritt nach vorne im Kampf gegen eine engstirnige und exklusive Gesellschaft. Doch auch diese Bewegung hat ihre Schattenseite. Denn was besonders auffällt, ist wie glückliche all diese Menschen auf Werbeplakaten oder Instagram-Posts aussehen. Influencerinnen bieten ein „Rundum-sorglos- Paket“ mit Selbstakzeptanz als Schlüssel zum Glück. Nie wieder schlechte Laune durch den Vergleich mit anderen! Das ist es, was mir Influencerinnen für ein Gefühl geben wollen. Doch währenddessen ich diese Posts ansehe, vergleiche ich mich mit dem was darauf zu sehen ist.
Was ist, wenn ich es nicht schaffe, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist? Was ist, wenn ich getrieben von der toxischen Positivität der anderen, mich in eine Gruppe eingliedere, in der ich nicht ich selbst sein kann? Die Ausweitung des Schönheitsbegriffs kann für viele hilfreich sein und trotzdem werden diejenigen Frauen ausgeschlossen, die nicht dazu in der Lage sind, sich selbst als schön zu empfinden oder ein Selbstbewusstsein gegenüber dem eigenen Körper zu entwickeln. Und ich glaube, so wird es auch immer sein. Ein Utopia, in dem alle Menschen akzeptiert werden, alle freundlich und offen zueinander sind und alle von Schönheit und Gesundheit gesegnet sind – dieses Utopia wird es niemals geben. Wenn wir ehrlich sind, können wir auch nicht sagen, wie diese Utopie aussehen soll. Ist dann jeder Mensch, der geboren wird und nach Akzeptanz strebt automatisch schön, damit er an unserer Wertegesellschaft teilhaben kann? Wenn wir auch in den hässlichsten Menschen die Schönheit entdecken, verliert diese dann zur Gänze ihre Bedeutung? Vielleicht brauchen wir auch einfach eine neue Definition des Wortes selbst, um Schönheit nicht mehr nur als äußeres Merkmal zu fassen, sondern ein zu unserer Zeit passendes erweitertes Verständnis davon zu kreieren. Vielleicht ist Schönheit mehr als das ewige Streben nach Perfektion.
Auch Butler sieht in der gegenwärtigen Phase der Kulturpolitik die Gelegenheit, aus einer feministischen Perspektive über die Aufforderung zur Konstruktion eines weiblichen Subjekts nachzudenken. Denn war die Frau bis in die Neunzigerjahre das unhinterfragte Subjekt des Feminismus, so fordert die aktuelle Identitätskritik eine grundlegende Neubewertung dieser Annahme. Dieses radikale Überdenken der vorherrschenden Konstruktionen von Identität scheint notwendig zu sein, um eine Repräsentationspolitik zu formulieren, die den Feminismus wiederbeleben könnte.
Wir geben vor, dass es die inneren Werte sind, die zählen. Das Äußere ist Nebensache. Und doch sind wir eine Kultur, die sich hauptsächlich auf der Oberfläche bewegt. Wenn es darauf ankommt, wird doch die hübschere Mitarbeiterin ausgewählt, wird auf Tinder doch nur das Aussehen bewertet oder der Termin beim Schönheitschirurgen kostet doch weniger Überwindung als gedacht. Was haben Ausstrahlung, Selbstbewusstsein und Charakter für einen Stellenwert? Fungieren sie als Pluspunkt, der zur Schönheit dazugerechnet wird? Oder sehnen wir uns doch nach Menschen, mit genau diesen Attributen, die von innen heraus Schönheit ausstrahlen. Die eine Kraft besitzen, mit der sie uns in den Bann ziehen. Eine Aura – wie sie Walter Benjamin schon definiert hatte – die den Raum einnimmt und uns wahre Schönheit erkennen lässt.
Wir leben in einer Zeit, in der es darum geht, einfach dabei zu sein. Nicht den ersten Platz zu machen, sondern eine Medaille zu bekommen, die besagt:
„Danke fürs Mitmachen!“
In jedem Fall hat die Body-Acceptance-Bewegung einen positiven Einfluss nicht nur auf Betroffene, sondern auch auf die Gesellschaft, denn Werbung und Sichtbarkeit prägen unsere Wahrnehmung und unser Bild von Schönheit.
Die neue Schönheit ist vielleicht sogar hässlich, aber sie ist ein Akt des politischen Protests und passt zu unserer sich verändernden Gesellschaft. „Sei wie du bist, dann bist du schön!“, ist die Parole, die junge Menschen auf den Straßen bei Regenbogenparaden demonstrieren. Barbie-Puppen gibt es inzwischen in allen möglichen Formen, Farben und Ethnien, als Fee, mit Beinprothese oder im Rollstuhl. Dazu gibt es alle nur erdenklichen passenden Spielzeuge, ganz nach dem Motto: Du kannst alles sein! Wenn Dinge, wie Geschlecht oder Schönheit, nach Butler, also gesellschaftlich konstruiert und definiert werden, können wir selbst den Weg ebnen für ein Schönheitsideal, das auf Achtsamkeit, Gesundheit und Wohlbefinden zielt.
Die schönsten Menschen, die ich kenne, sind die, die mir am nächsten stehen. Menschen, die ihre innere Schönheit nach außen getragen haben und die ich in ihrer Ganzheit erkennen darf. Das neue Beauty-Zeitalter fordert uns heraus Wege zu beschreiten, die uns vielleicht fremd sind oder die uns Überwindung kosten, da wir gewohnte Vorstellungen über den Haufen werfen müssen.
Das neue Schönheitsideal will, dass wir Menschen auf eine Weise betrachten, die zwischen Vorurteilen und Klischees Raum lässt für eine ehrliche Begegnung hinter der Oberfläche. Die Gesellschaft verlangt von uns, dass wenn wir auch nicht alle im selben Boot sitzen, wir niemanden ertrinken lassen. Wie die Utopie des Zeitalters der Toleranz aussieht, das weiß ich nicht, doch bin ich gespannt auf das, was noch kommen wird.